Halbjahresbilanz 2015: Die besten Platten.

Beste Platten 2015 - Plaste Blog

Foto: Anja Bronner

Ja, ja das Jahr ist schon wieder fast rum. Plaste blickt zurück und präsentiert die Album-Highlights des ersten Halbjahres. Außerdem die Plastlist mit den besten Tracks, garantiert komplett algorithmenfrei zusammengestellt und aus echtem Geschmack zusammengebastelt.

Jamie xx – In Colour

jamie xx in-colourSchon das Artwork und der Titel des ersten Jamie xx Album verraten, dass jetzt die Sonne in den verwickelten Schluchten von Dubstep City scheint. Das Mastermind von The xx verschraubt und verknotet fortgeschrittene Elektrotechnik, gesampelte Steeldrums, und Sommerhitmelodiesplitter  zu spannenden polyrythmischen Tracks. Einige Songs vor allem die von Romy Madley Croft gehauchten klingen wie eine Weiterentwicklung von des kühl, minimalistischen  The xx Sounds. Jamie hat  das The xx Sounddesign bereits mit seinem Maxis und dem Gil Scott Heron Remixalbum weiterentwickelt. “In Colour” der nächste Schritt, ist  warm, popping, melodieselig und wirkt gleichzeitig sympathisch konstruiert und aritifiziell.  Highlight “ I Know There’s Gonna Be (Good Times)” sampelt Vocalparts von “The Persuasions” und Young Yug und Popcaan schiessen den Song mit schweren Dancehall Drall in Richtung Sommerpop. Das sollte der Zukunftspop für die Heavy Rotation sein. Ähh, könnte mal jemand bei SWR 3 anrufen?

Da sollte man die Platte hören: Den ganzen Tag im Radio ohne den Scheiß zwischendurch

 Kamasi Washington – The Epic

KamasiWashington_cvrWashington ist Mitglied der Brainfeeder-Familie und wenn ich micht nicht täusche ebenso wie Flying Lotus irgendwie (zumindest gefühlt) mit Alice Coltrane verwandt. Wenn Kendrick Lamar im Brainfeeder Organigramm den Hip-Hop orientierten Zweig des Labels repräsentiert, ist Kamasi Washington nun CEO der Jazz Abteilung.  Und ich rede nicht von Jazz Light. “The Epic” verbrauchte ein mindestens 50-köpfiges Orchester und einen Chor mit 200 Stimmen – analog und in richtig echt wohlgemerkt. Das fasziniernde an “The Epic” ist, dass die Platte so klingt, wie man sich Jazz VORSTELLT und zwar im GUTEN. Extrem virtuos, sehr deep, soulful und spirituell. Bilde hierzu bitte einen Satz in dem Miles Davis, John Coltrane und Bebop vorkommen verzichte dabei jedoch auf die Begriffe traditionell, retro, Wynton Marsalis und VS-Swingt.

So sollte man die Platte nicht hören: – Mumifiziert im Ohrensessel mit einer Flasche Rotwein und einem “guten” Buch.

Alabama Shakes – Sound & Color

alabamaDie erste Platte der Band habe ich einfach ignoriert, weil ich nichts weniger brauchen kann wie Southern Rock orientierte Bands als Vertreter der Staubfängerfraktion im großem Vinylmuseum.  Aber Albama Shakes sind wirklich nah dran am Blues und ganz weit weg von der Beck’s -Bier Seeligkeit  eines Joe Cocker. Sängerin Brittany Howard presst, kämpft quengelt quietscht, grunzt sich durch die Tracks – dafür hat irgendjemand mal das Wort Authentizität erfunden. Die Musik, ja doch Southern Rock, Psychedelic und rumpeliger Stax-Soul.  Die Songs, spannungsgeladene Knallerbsen im Hintern von Jack White.

Da sollte man die Band hören: – Weil sie auch schon vor Barack Obama gespielt haben,  gern mal auf Festivals.

Leather Nun – Whatever

leather nunMitte der 80er Jahre standen “The Leather Nun” aus Schweden für den härtesten und schnellsten Bikerrock, der weder hart noch schnell, sondern zähklebrig und schmierfettig  lasziv war.  Immer näher dran an Lou Reed als an ölverschmierten Kutten. Ihre Coverversion von “Gimme, Gimmme, Gimmme” war damals der beste Vorwand sich eine ABBA Best-Of zu kaufen. Und weil es draussen so heiß ist, darf ich mal die Phrasendreschmaschine anwerfen: “Und jetzt sind sie wieder da und machen einfach da weiter wo sie zu Beginn der 90er aufgehört haben”. “Another Rainy Day” ist schon jetzt die Ballade des Jahres. Wir sehen vor unserem Auge einen einsamen Biker im strömenden Regen vor einer Wellblechkate mit surrender Neonbeleuchtung, aus seinem Auge kullert eine einsame Motorölträne.  Auf seinem Handrücken leuchtet ein schlecht gestochenesTatoo: ABBA.

Da sollte man die Platte hören: – Wenn die Party soweit fortgeschritten ist, dass man eigentlich schon genug hat, der Katzenjammer vor der Tür steht und kein menschlicher Trost weit und breit in Sicht ist.

 Tocotronic  – ehrlich gesagt eher das Buch als die Platte

tocotronicDas rote Album ist eine Platte aus der man sich raushören muß. Heißt – beim ersten Hören klingt alles noch ganz o.k wie immer. Aber je öfter das Album auf dem Teller liegt, desto mehr fragst Du dich, was was es Dir sagen will, bis irgendwann kein Grund mehr da ist es aufzulegen.  Vielleicht liegt es daran, dass auch ein kluges Konzept aus kühlen Pop und intellektuellen Manierismen zu Tode geritten werden kann. Vielleicht liegt der Hund in ihrem Konzeptthema “Liebe” begraben. Liebe, das ist bekanntlich das Ding mit Hummeln im Bauch, Verzweiflung, großen Gefühlen u.s.w. Und das wurde, mal vorsichtig gesagt, in der Geschichte der Pop-Musik schon ähem emotionaler rüber gebracht.  Ihr Jubiläumsbuch “Die Tocotronic Chroniken” präsentiert die vier aber so wie wir sie mögen, als lustige Jungs in Trainingsjacken, als Mitbewohner von Entenhausen, Urheber von Originalität und beste deutsche Pop-Band aller Zeiten mit Breitbandschnittstellen zur Feuilletonkultur.

Da sollte man das Buch durchblättern:   Im Lehrerzimmer.

 NU YORICA – Various Artists

sjrcd29nuyoricaslveSalsa wurde nicht  für die Beschallung von Ü40 Tanzkursen entwickelt. Nicht für Menschen, die sich nach Feierabend, aufgetakelt mit Freizeithemden auf denen Cocktails abgebildet sind, ein Stückchen Exotik und Freiheit erkaufen wollen. Die Musik kommt nicht mal aus Südamerika. Einwanderer aus Kuba oder Puerto Rico mixten in New York z.B. das kolumbianische Cumbia mit Soul und Afro-Rythmen oder Jazz. Die Botschaften standen der Black-Power oder der Anti-Vietnam Bewegung näher als Hugo schlürfenden SAP-Consultants. Der Nu Yorica Sampler von Soul Jazz Records war 1994 quasi ein archäologischer Meilenstein um die Musik vor allem des Fania Labels jenseits des gehobenen Diggertums wieder zu entdecken. Auch wenn seit 2006 fast alle Fania-Alben wieder erhältlich sind bringt das Reissue von NU YORICA uns alle sicher durch den Sommer.

So sollte man die Platte hören – Aus billigen, schrammligen, quietschebunten Plastikradios im Freibad. Aber gern auch als Belehrung auf Salsa-Parties.

Sounds of the Universe: Art + Sound – Various Artists.

artArt + Sounds versammelt die Maxisserie von „Sound of the Universe“ mit Electronic Granden wie Kassem Mousse sowie exclusiven Neueinspielungen. Man darf ruhigen Gewissens sagen, dass die Tracks als Blaupause für die elektronische Musik für den Rest des Jahrzehnts dienen werden. Art + Sound klingt wie der Soundtrack eines Science Fiction Films, der zu einer Zeit gedreht wurde als noch ein unbegrenzter Zukunftsoptimus herrschte. Regisseur wäre Rainer Werner Fassbinder, der die ersten Zweifel an der ungebremsten Technikgläubigkeit streuen würden.

So sollte man die Platte hören – Bitte laut. Im Hintergrund “Welt am Draht” ohne Ton laufen lassen.

Rolling Stones – Sticky Fingers

fingersZwischen 1968 und 1972 hatten die Stones einen wirklich guten Lauf. Wenn man  “Exile on Mainstreet” als etwas zu überambitioniert einordnen mag, ist „Sticky Fingers“  das beste Album dieser Serie und natürlich auch das der Stones. Die Band präsentierte sich damals auch optisch als ein Rudel cooler Säue. Mick Jagger gab noch nicht den Schimpansen, der im Aerobic Studio versehentlich die Garderobe von Dieter Bohlen erwischt hat. Sticky Finger ist der furztrockene, minimalistisch, sumpfige Bluesrock einer Band, die es im Spätsommer ihre Karriere nicht mal mehr schaffte sich selbst zu imitieren. Für Rolling Stone Leser gibt es eine Ausgabe aus buntem mundgeblasenem coloriertem 500g Vinyl, 2 CDs mit den Stimmversuchen von Keith Gitarre sowie einem lustigen Furzkisssen.

Sollte man eingeschweißt in die Wohnwand stellen, weil das den Wiederverkaufswert für die Erben steigert.

In Zeiten entseelter Apple oder Spotify Playlists, als Ergebnisse ausgeklügelter Algorithmen präsentiert Plaste ab jetzt die Plastlist, als Dauerempfehlung. Liebevoll von Hand geschöpft und mit einer PC-Maus aus nachwachsenden Rohstoffen kuratiert.

 

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