Brian Eno – Die 10 wichtigsten Alben zwischen Glamrock und Kunsttheorie.

Brian Eno 10 beste Alben.

Brian Eno ist wohl der einflussreichste Popstar, den keiner kennt. Erfinder von Ambient- und generativer Musik, begnadeter Glam Art-Rocker und vor allem geistig kreativer Buddy von Bowie,  Talking Heads, U2 und Coldplay. Die Liste der relevanten und bahnbrechenden Platten an denen Eno mitgewirkt hat ist lang. Plaste stellt euch hier die 10 wichtigsten und besten Alben vor.

Roxy Music – For your Pleasure

Brian Ferry und Eno waren beide sowohl in den englischen Art-Schools als auch im experimentellen Prog-Rock sozialisiert. Ferry wurde sogar kurzfristig als Sänger von King Crimson gehandelt.  Diese Persönlichkeiten schufen jedoch nicht nur ein musikalisches Spannungsfeld. Beide Brians waren Egozentriker und Selbstdarsteller vor dem Herrn.  Das zweite Roxy Music Album „For your Pleasure“ spiegelt genau diese Reibungsfläche zwischen zwei den auseinander driftenden Kreativen wider.

Auf der gleichen Platte finden sich das treibend euphorisierende „Do the Strand“ und die improvisierte Krautrock-Hymne „The Bogues Man“ ein Track, der auch von Guru Guru stammen könnte.  Das schaurig schmalzige „Beauty Queen“ dürfte am ehesten die eleganten Popvisionen von Ferry tragen.

Mein persönlicher Höhepunkt ist „In every Dreamhome’s a heartache“ die Story von dem Typ, der sich eine aufblasbare Gespielin in sein Reihenhaus schicken lässt. „I blew your body and you blew my mind„.  Ferrys (Spitzname: Brian Ferrari) gehobenes Art-Playboytum und das Paradiesvogelhafte von Brian passten danach jedoch länger nicht unter eine Decke. Zumal Brian Eno live gern mal zu quietschenden Soli an seinen Gerätschaften ansetze und dem Crooner Ferry damit die Show stahl. Nach der Veröffentlichung der Platte verliess Eno Roxy Music.

Ask people to work against their better judgement/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Brian Eno – Here come the Warm Jets

Here come the Warm Jets schrappt knapp daran vorbei, eine bessere dritte Roxy Platte zu sein.  Vielleicht wollte Eno es Ferry zeigen und nochmal in der Glamrock-Welt durchstarten. Dass das nicht klappte lag nicht an seinen Songschreiberqualitäten. Auf der „Warm Jets“ Tournee kollabierte seine Lunge und er verabschiedete sich von Traum als Glam-Rampensau.

Das Album stürmt mit dem Mega-Riff von „Needles in the Camel’s Eye“ aus seinen Startlöchern. Die Songs sind überraschend (wenn man seine spätere Entwicklung betrachtet) klar und einfach strukturiert. Trotzdem mit vielen Details und feinen Arrangements ausgestattet. Highlight ist „Baby’s on fire“ ein rotzige,  pampig vorgetragende Hymne über eine Fotosession mit einem brennenden Kind und lachenden geifernden Zuschauern. Fast schon  Protopunk. In der Mitte hebt der Song komplett mit einem funkelnden Gitarrensolo von Robert Fripp ab. Robert Fripp war übrigens auch Enos bester Buddy, wenn es Soundexperimente ging. Zu den Heroes Session lies Eno Fripp nach Berlin einfliegen, wo er innerhalb von 6 Stunden das legendäre Riff einspielte.

Make an exhaustive list of everything you might do and do the last thing on the list/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Brian Eno – Another Green World

Eno ging diesmal ohne konkrete Idee ins Studio. Dafür jedoch mit Granden wie Phil Collins, Robert Fripp oder Irmin Schmidt von Can.  Mit den Vorgängerplatten „Here comes the warm Jets“ und „Taking Tiger Mountain“ verband er Federboa Ästhetik, Kajal-Kultur und Bowie-Glam mit ersten professoral-experimentellen  Ansätzen.  Heraus kam Charts Musik, die ihren Weg dorthin leider nie gefunden hat.

Im gleichen Jahr veröffentlichte er mit „Discreet Music“ sein erstes Ambient Album und begann mit den „Obligue Strategy“ Karten zu arbeiten. Diese halfen später auch Bowie, U2 oder Coldplay ihre Kreativblockaden zu überwinden.

Zusammen mit seinen Musikern schaffte er es sein wärmstes und zerbrechlichstes Popalbum zu produzieren. Das überkandidelte der Vorgängerplatten wich Popsongs und Instrumentals, die schon in Richtung ambienten Minimalismus schwappten.  Die Musik hält sich jedoch immer Vordergrund, beschäftigt den Hörer und liefert neben den Instrumentals eine handvoll fast beschwingter Art-Pop Songs. Unschlagbar natürlich wieder mal Robert Fripp mit seinem Solo zu „St. Elmos Fire“. Eno gabe ihm dazu die Anweisung, das elektrische Bruzzeln einer Wimhurst-Maschine zu imitieren.

Mute and continue/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Brian Eno – Ambient 1: Music for Airports

„Ich lag im Bett [und erholt mich von einem Unfall mit einem Taxi]. Meine Freundin Judy Nylon kam zu Besuch. Als sie gehen wollte, bat ich sie, eine Schallplatte aufzulegen. Die Nadel setzte auf und ich stellte fest, dass es viel zu leise war. Es regnete, und der Regen auf dem Dach war tatsächlich lauter als die Musik. Ich begann, Gefallen daran zu finden. Es war eine Platte mit virtuoser Harfenmusik, und ich hörte das Klirren der Harfe aus dem Regen kommen und dachte: „Das ist bezaubernd“. So begann ich darüber nachzudenken, was passieren würde, wenn man Musik machen würde, die dazu da ist, andere Klänge in sich aufzunehmen, sodass die Grenze zwischen der Musik und dem Rest der Welt verwischen würde.“

Ambientmusik sollte aber nie Geklimper fürs Solariumyogastudio sein. Sondern Musik, die ihre akustischen und atmosphärischen Eigenheiten betont. Nicht im Sinne von New Age, verschmiert und versteckt. Man kann sich das am besten wie ein Designer Möbelstück vorstellen. Es erfüllt eine Funktionalität hat aber darüber hinaus eine ästhetische und motivierende Funktion. Eno unterstützt in diesem Rahmen übrigens auch Kunsttherapiekonzepte für Krebspatienten.

 

Take away the elements in order of apparent non-importance/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

David Bowie LowDavid Bowie – Low

Berlin war für Bowie das, was der Motoradunfall für Bob Dylan war. Eine Möglichkeit Atem holen um dem tödlichen, hysterischen Speed des Rockzirkus zu entkommen. Im Gegensatz zu Dylan jedoch schaffte es Bowie sich in Berlin sich als Künstler weiterzuentwickeln und aus den Zwängen des Popkapitalismus zu befreien. Auf Seite 1 kämpft Carlos Alomars Funk und der harte metallene Groove gegen Brian Eno scharfe  Synthieflächen. Das Ex-Roxy Music Mitglied hatte zwei Jahre zuvor mit “Discret Music” Ambient Sound erfunden. Bowie Stimme wirkt eisig und abwesend und ähnelt Iggy Pops Performance in The Idiot.

Die Texte sind eher Fragmente als Lyrik. Bowie befand sich mitten im Kokain-Entzug und kämpfte nach wie vor mit seiner Schreibblockade. Die Songs sind selten länger als 3 Minuten und mit “Sound and Vision” fällt sogar ein erster Hit in Deutschland ab. Seite Zwei ist rein instrumental, ihr merkt man auch stärker die Beeinflussung durch die deutschen Krautrock-Bands an. Die Musik ist den Bewohnern des Ost-Blocks gewidmet. Warzawa basiert auf dunklen Piano-Melodie, der Soundtrack für eine Fahrt durch düstere, dystopische Plattenbausiedlungen. Bowie sagte zu seinem Mitstreiter Eno, ihm sei es egal, ob diese Musik jemals veröffentlicht würde. Das Label RCA zog die Platte denn auch für das Weihnachtsgeschäft 1976 zurück und veröffentlichte sie erst im Januar 1977

Use unqualified people/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Brian Eno – David Byrne – My Life in the Bush of Ghosts

Eno unterstützte die Talking Heads bereits bei ihren Alben „More Songs about Building and Food“ und „Fear of Music“.  „My Life in the Bush of Ghost“ ist ein echtes Jungs-Projekt, die beiden hatten Spaß daran rumzufrickelen und die Popmusik mit Sampling-Techniken weiter zu entwickeln. So schnitten sie Gesangsspuren aus Radiosendungen oder nahöstlicher Musik.

Darunter legen Eno & Byrne brodelnden perkussiven Funk. „America Is Waiting“, „Mea Culpa“ und „Come with Us“ – das sind blubbernde, dampfende Amalgane aus dem Weltradio und der Talkshow  eines Evangelisten.  „The Isebel Spirit“, nutzt einen aufgezeichneten Exorzismus als Tonspur.

Hier und auch bei anderen Stücken mussten sich Eno/ Byrne auch Kritik gefallen lassen.  Zu sehr wurden die ursprünglichen Botschaften aus dem kulturellen Kontext gerissen.  Aber was letztendlich zählt ist das Ergebnis: die vielfach aufeinander getürmten und verschachtelten Rhythmen. „My Life…“ ist ein Meisterwerk in Sachen Sampling, wie man es zuvor noch nicht hören können. Das  hatte 1981 noch mit sehr viel Handwerk, sprich überspielten, überblendeten und manuel mit Rasierklingen geschnitten Tonbandspuren zu tun.

Treppenwitz der Pop-Geschichte. Aus rechtlichen Gründen konnte „My Life in the Bush of Ghosts“ erst nach Talkings Heads „Remain in Light“ veröffentlicht werden. Die Kritiker und das Publikum sahen in der ambitionierten Platte einen intellektuellen Abklatsch des poporientierten Heads Albums.

Do nothing for as long as possible / Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Talking Heads – Remain in Light

Nach den Aufnahmen zu  „My life..“ fuhren Eno und die Heads in the Compass Point Studios auf den Bahamas. Während sie an My Life im Bush of Ghosts arbeiteten, studierten Byrne und Eno intensiv Voodoo- und Afro-Atlantische Kulturen.

Remain in Light ist ein synthetisches, polyrthymisches Album mit starken afrikanischen Einflüssen. Eno hatte sich sehr mit der Musik von Fela Kuti beschäftigt und selbstredend sind die Tracks auch stark von der Arbeit an „My life in the Bush of Ghost“ beeinflußt.

Allerding zerbrach bei den Aufnahmen auf den Bahamas die Beziehung zwischen den Talking Heads bzw. David Byrne und Eno.  Byrne und Eno waren kopfmässig noch bei „My life..“ und Weymout, Frantz und Harrison kamen mit eigenen Material auf die Insel.  Beim auseinander nehmen und wieder zusammensetzen ihrer Ideen fühlten sie sich von der Byrne/Fraktion immer weiter an den Rand gedrängt. Und somit zur reinen Rhythmus-Section gegradiert.  Nach den Aufnahmen zu beendeten die Heads die Zusammenarbeit mit Eno.

Remain in Light ist eines dieser Alben, das einem auch nach fast 40 Jahren, bei jedem Hören noch etwas gibt. Die Talking Heads konnten in den 80ern zwar kommerziell punkten, waren aber nie wieder so gut und experimentierfreudig wie 1980.

You don’t have to be ashamed of using your own ideas / Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

No New York – Diverse

Während der Aufnahmen zum zweiten Talking Heads Album besuchte Eno das  Noise Festival in New York. Schwer beeindruckt von der ungezügelten Energie der Bands, nahm er das Album mit „Teenage Jesus and the Jerks“, „James Chance and the Contortions“, D.N.A. und Mars auf. Es ging diesmal nicht darum die Musik fürs Kunstmuseum aufzubrezeln oder Duftmarken zu hinterlassen sondern schlichtweg die Kraft dieser Musik und des Festivals zu konservieren.

Lydia Lunch und James Chance waren noch in den 80ern zwei schillernde Figuren der Post-Punk Szene. D.N.A. Gitarrist Arto Lindsay stieß später zu John Luries „Lounge Lizards“ und produzierte eine Reihe von brasilianischen Musikern, z.B. Caetano Veloso. Die Musik auf der Platte selbst eine eine pure Energieeruption und auch über 40 Jahre nach der Veröffentlichung immer noch etwas gewöhnungsbedürftig. Dieses Tondokument inspirierte nicht nur viele US Hardcore Bands, sondern auch Acts wie die Swans oder Sonic Youth.

What would your closest friend do?/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Devo – A: Are we not men A- We are Devo

Devo galten 1977 als der neue heiße Scheiss. Die Legende besagt, dass David Bowie nach einem Konzert auf die Bühne kam und verkündete, diese Band produzieren zu wollen. Aber der Thin White Duke zog es dann doch vor mit Marlene Dietrich „Just a Gigolo“ zu drehen.  Eno verdichtet hier den stakkatoartigen Maschinensound von Devo, zerfetzt ihn mit rasiermesserschafen Kreissägenblättern und schärft damit die expressionistischen Stop-and-Go Rhythmen.

Devo war eine Science Fiction Band mit einer eigenen Evolutionstheorie. Zyniker im gelben Overall. ADHS-Mutanten, die  mit mit einem Handstreich den 60er und 70er Rockpop in eine radioaktiv verseuchte Mülltonne getreten haben. „Satisfaction“, ein in der 70ern ominpräsent runtergenudelter Oldie wurde so komplett entkernt und postmodern mechanisch aufgepimpt, dass Mark Mothersbaugh  persönlich bei Mick Jagger vorstellig werden musste, um sich das o.k. für die Veröffentlichung zu holen. (Ja, Mick hat es gefallen).

Welchen Anteil Enos Produktion am Sound hatte, wird wohl nie ganz klar sein. Devo selbst entzogen sich immer wieder dem Mastermind und haben angeblich die Bänder nochmal überarbeitet. Eno hat die Jungs auf jeden Fall in Conny Planks Studio in Wolperath zu einer atemlos hysterischen Höchstleistung getrieben

Don’t be frightened of clichés/ Oblique Strategies text by Brian Eno and Peter Schmidt

Brian Eno – Music for Installations

Music for Installations ist im Grunde Musik, die Eno für Lichtinstallationen entworfen hat. Also abgestimmt auf Räume und zur Begleitung von visuellen Effekten. Die Musik funktioniert aber auch im Wohnzimmer und ihr müsst euch dazu keine Lichtshow einfallen lassen. Das Prinzip der generativen Musik, vergleicht Eno mit der Arbeit eines Gärtners. Er kann die verschiedensten Pflanzen setzen, hegen und pflegen am Ende entsteht trotzdem ein Gartensujet in dem der Zufall eine Rolle spielt. Über das er letztendlich keine Kontrolle hat.

Bei der Entwicklung von generativer Musik entwickelt der Komponist lediglich Soundpattern, brummende Drohns, helle Glocken, dröhende Vibrationen, helle Synthieflächen. Das Zusammenwirken dieser Elemente steuert jedoch eine digitaler Algorithmus, dessen Koordinaten Eno selbst liefert.  Der Hörer erlebt somit nie dasselbe Stück, die Musik ändert sich ständig, die Tonalität bleibt. Das funktioniert leider nicht wirklich mit CDs oder Vinyl, wer generative Musik wirklich generativ hören möchte, kann sich die Reflektion App herunterladen und dem Fluß der Musik lauschen. Eno besteht übrigens darauf, dass es sich bei dieser Box nicht um Ambient handelt.


Related Content

David Bowie in Berlin  hier>

Bob Dylan – The Cutting Edge   hier>

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Please follow & like us :)

RSS
Follow by Email
Facebook
Twitter
Visit Us
INSTAGRAM

Themen

Kommentare

Google Analytics