The Cutting Edge – oder wie Bob Dylan die sechziger Jahre erfand.

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Die 1960er des Bob Dylan begannen in schwarz-weiß.  Mit brillantinegescheitelten Männern in Röhren-Anzügen und schmalen Schlipsen. Frauen in Kastenjacken und Jackie Kennedy Kostümen. Alle beseellt vom dem Versprechen bis Ende des Jahrzehnts auf dem Mond zu landen. Sie endeten quietschebunt in einem technicolorfarbenen Hippieszenario und dem schalen Vorgeschmack darauf dass die Träume einer neuen Gesellschaftsordnung nach den Morden an den Kennedies und Martin-Luther King nicht mehr eingelöst würden Eigentlich hätte es mehr als 10 Jahre gebraucht um all das Unterzubringen was zwischen 1960 und 1970 geschehen ist. Es war das Jahrzehnt in dem  die Popkultur erfunden wurde.

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K. Adenauer wartet auf das Schwingen der 60er.

In den 50er Jahren erlebten die USA und Europa ein rasantes Wirtschaftswunder mit Waschmaschinen, klobigen TV-Geräten und lustiger Fertignahrung, gespeist aus einem unerschütterlichen Glaube an Fortschritt und Technologie.  Auf der dunklen Seite die Mondes grassierte in den USA noch tiefster institutioneller Rassismus. Deutschland war in der Hand der Generation, die im Dritten Reich sozialisiert wurde und seit 1945 unter eine seltsamen Form der Amnesie litt. Die Teenagergeneration konnte zwar im Taschengeld baden, bekam aber die Frage, was ihre Eltern so vor 1945 getrieben hatten nicht beantwortet.

Zu Beginn des Jahrzehnts war der Rockn’ Roll tot, wurde als abzuhackendes Phänomen abgetan.  Elvis diente brav geschniegelt in der Army, Jerry Lee Lewis Karriere war nach der Ehe mit der dreizehnjährigen Myra Gale Brown am Ende. In den USA hatte sich aber schon in den Fünfzigern eine Folk-und Protest Szene etabliert – Ich drücke jetzt mal auf schnellen Vorlauf – Woody Guthrie – Greenich Village – Blowin in the Wind – Joan Beaz – Masters of War – Newport Folkfestival – The Times They are a chaning – Im Hintergrund hören wir Schneller-Tonband-Vorlauf Geräusche, wie wir sie aus siebziger Jahre Filmen kennen. Stopp Taste. Das Zählwerk steht auf 1965

IMG_1254Ein schönes Bild  aus diesem Jahr präsentiert uns  P.A. Pennebackers grandiose Doku “Don’t look back”, auch wenn Dylan hier noch seine Lorbeeren als Protestsänger ohne Bandbegleitung erntet.  Die Größe eines Popstars ergibt sich immer aus dem Delta zwischen seiner Musik, seinem Look, seinem Habitus und dem gesellschaftlichen State of Art. Der cool zynische Dylan traf 1965 noch auf Fans, die brav mit Krawatten in seine Konzerte strömten und Fanmädchen die sich nach dem Gig kreischend auf dem Dach seines Autos festklammerten. So hatte man es ja bei den Beatles gelernt. Bemerkenswert an “Don’t Look Back” sind aber auch Interviews bzw. Interviewversuche mit den altehrwürdigen englischen Kulturredakteuren, die sich mit biederen Fragen wie „Woher nehmen Sie Ihre Ideen ?“ oder „Was wollen Sie mit Ihren Protestsongs bewirken?“ abmühen

Bob Dylan präsentiert sich hier als giftig intellektueller Alien aus einer Zukunft, die es so nie geben wird, bereit mit seinen nächsten drei Platten das ganze Jahrzehnt auf eineinhalb Jahre zu komprimieren und der Teenie Popkultur endgültig ihre Unschuld zu stehlen.

1385049143_bringing-it-all-back-home Bringing It All Back Home/ März 1965

Ich zitiere hier die Original-Plattenkritik aus dem Spiegel vom März 1965. Ziemlich unbeholfen versucht sich hier das Feuilleton zum ersten Mal am neuen Phänomen Popkultur abzuarbeiten. Mit braver Nennung der Bestell-Nr. und des gebundenen Preises.

 Er schreibt seine Songs „mit einer Kesselpauke im Sinn“ (Dylan), und er singt sie rode oder winselnd wie ein Muezzin. Die engagierte US-Folk -Music hat in Bob Dylan, 24, ihren Herrn und Master of Pop-art gefunden: Die Lieder wider Hunger, Krieg und Rassenhetze lassen Amerikas Jung-Nonkonformisten mit dem bleichen, bitteren Beatnik konform gehen. Die slang-verkürzten Verse des Kant-Lesers und Bardot-Verehrers Dylan sind origineller als sein Gitarre- und Mundharmonikaspiel. Den Ton geben Hillbilly und Rock’n’Roll an. (CBS S 62 515; 18 Mark.) Funfact: Der Preis entspricht heute übrigens einer Kaufkauft von ca. 33 €. Musikhören war in den sechziger Jahren ein echter Taschengeld-Absauger.

highway 61 revisitedHighway 61 Revisited/ 30. August 1965

Die beste Platte seiner Trilogie bildet den Nucleus für zwei Keytracks der sechziger  “Desolation Row” beschreibt das Jahrzehnt als irren Zirkus, in dem alles möglich ist, gleichzeitig geschieht,  und schließlich in einen irren Strudel in der Straße der Verzweiflung endet.

The fortune telling lady has even taken all her things inside/ All except for Cain and Abel and the hunchback of Notre Dame/ Everybody is making love or else expecting rain/ And the Good Samaritan, he’s dressing, he’s getting ready for the show/ He’s going to the carnival tonight on Desolation Row

Like a Rolling Stone” ist der zweite Übertrack, der im gleichnamigen Magazin übrigens  ca. alle zwei Jahre zum größten Song aller Zeiten auf der ganzen Welt gekürt wird.  Er erzählt die Geschichte einer jungen Frau aus gutem Hause, die sich der Hippie Bewegung anschließt um obdachlos „like napoleon in rags“ auf der Straße zu landen. Der Song fühlt sich an, wie eine düstere Vorahnung auf die Euphorie und das grandiose Scheitern der Hippiekultur in den späten sechzigern und siebziger.

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Once upon a time you dressed so fine../ Wir wissen nicht ob Factory-Girl Edie Segewick die wirklich  Muse für „Like a Rolling Stone“  war.. Gepasst hätte es.

blonde on blondeBlonde on Blonde/  16. Mai 1966

Weiter geht es mit dem speedgetriebenen,  quirligen thin wild mercury sound von Dylan. Dazu erfindet er noch schnell Doppelalbum und das unscharf aufgenommene Cover. Auf den Abdruck seines Namens und des Albumtitels verzichtet er ebenso. Für Sad Eyed Lady of the Lowlands nimmt er sich eine ganz Plattenseite Zeit. Die Gesetze des Musik Marketings zählen  zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Bob Dylan hat Teeniekultur an den Beatles und den Beach Boys, die damals um die Deutungsheit im Pop wetteiferten, vorbei zur Kunst weiterentwickelt. Ein intellektueller knurriger Poet, an dessen Texte sich noch heute die Dylanologen die Zähne ausbeißen, wurde zur Stimme einer ganzen Generation von 14 -19jährigen.

 

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29. Juli 1966

Noch mehr Speed – noch mehr Tourneen – 29. Juli 1966 – beim Rumdüsen  in Woodstock blockieren die Bremsen seiner Triumph – Bob Dylan stirbt im Alter von nur 25 Jahren bei einem Motoradunfall.  Es sollte keine Psychedelic-Platten von ihm geben, keine Fotos mit Matte, keine indischen Klamotten, kein Gig in Woodstock. Haha reingelegt – Bananenquark. Aber wäre Bob Dylan eine Band, hätte er sich bestimmt 1966 nach dem Unfall und dem Platten-Drogen-Tourneestress aufgelöst. Dafür erfindet Dylan den Work-Life-Balance für Popmusiker, kümmert sich um Frau und Kinder und denkt sich ein neues Geschäftsmodel für müde Popstars aus. Er nimmt zusammen mit seiner ehemaligen Begleitband rohe unbehauene Diamanten auf um sie an weniger talentierte Künstler zu verkaufen, während er zuhause den Familienvater gibt. Seine nächsten Platten sind im historischen Kontext skandalös unterbewertete, zeitlose, fettfreie Independent-Country Platten, auf denen sich einige seiner besten Songs finden, die mit von der Szene in diesem Jahrzehnt aber nicht mehr als relevant wahrgenommen wurden.

Für den Rest der Menschheit endeten die 1960er am 31.12.1969. Bob Dylan hat sie überlebt und das mit Mondlandung hatte auch noch hingehauen.


Bob Dylan – The Cutting Edge – Die Platte zur Ära

cutting edge bob dylanDer 12. Teil der Bootleg Series präsentiert die Outtake und  Alternate-Versions aus den Aufnahmesessions zu den drei Alben. „The Cutting Edge“ bietet keinen komplett neuen Blick auf die Tracks wie die Teile 10 oder 11. Aber die Musik ist natürlich in jeder Sekunde großartig,  „Can You Please Crawl Out Your Window?„, das auf  Highway 61 keinen Platz fand, die schnelle Version von „Visions of Johanna“ oder die Skizzen zu „Like a Rolling Stone“ oder „Desolation Row“ …. ach was Bob Dylan Fans haben die Platte ja eh schon. Im Deluxe-Segment gibt es die No. 12 auch mit 6 oder 18 oder 60 CDs mit aufblasbarem Columbia Studio und einer seltenen Aufnahme, in der der Studio-Hausmeister beim Händewaschen ein Medley aus „Like a Rolling Stone“, „Rainy Day Woman“ und „I want you “ pfeift während der Terrier von Bob Dylan …


Die Bob Dylan – Thin Wild Mercury Playlist

„Can You Please Crawl Out Your Window“ bitte dazu denken.

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