Die 2014 Deutsch Pop Charts oder How Disco can Diskurs

schnipo schranke

Na, weißt Du noch wo Du am 13. Juli in 113. Minute warst? 2014 ist das Jahr in dem ich mit schwarz-rot-goldenen Girlanden behangen, hupend durch Villingen-Schwenningen fuhr. Übrigens ein Event, der letztendlich nur unwesentlich charmanter war, als ein Verkehrsstau beim Pfingstmarkt in Trossingen. 2014 ist aber auch das Jahr des Schwachmatismus-Roll-Outs der Vollpfostenversteher von der AfD. Unpolitisch und unsportlich möchte sich der Plaste-Blog an dieser Stelle aber nur dem guten Deutsch-Pop Jahrgang widmen und die Highlights küren.

 

Schnipo Schranke – Pisse

Schnipo_SchrankeDer Track mit der Kraft der doppelten Ebene.  „Pisse“ ist zum einen ein durchgeknalltes Girlie-Ding. Das verrückte Huhn, das in einem toll komponiertem Popsong dem Typen hinterherläuft und dabei alles falsch macht. Für Billy Wilder wäre der Song eine Steilvorlage für eine Komödie mit Sherley McLaine gewesen. 1983 hätte ich den beiden wohl nach dem Hören des Songs einen nerdig verdrehten Liebesbrief geschrieben und doch nie abgeschickt. Und dann hält „Pisse“  natürlich noch die zweite große Wahrheit fürs Leben bereit, nämlich daß es trotz aller Schmetterlinge im Bauch, trotz aller romantischer Verliebtheit, trotz aller versoffener Geilheit da unten nicht nach Himbeereis schmeckt. Bester Song über Fellatio/ Cunnilungus seit Silvia Juncosas “Lick my Pussy, Eddie van Halen”  (Und das war übrigens nur ein Instrumental)

 

Trümmer – Trümmer

Paul Pötsch
Paul Pötsch als Kafka Darsteller beim Schwenninger Kurzfilmfestival ca. 1957

Da sind natürlich die vielen, vielen Geschichten. Der Paul der betrunken im Limba die Weltrevolution fordert. Der Paul als Schauspieler bei einer Kafka Oberschüler-Kurzfilm-Verfilmung beim Schwenninger Kurzfilmfestival. Meine Lieblingsgeschichte: Der Frühfünziger der zu seiner Frau sagt: “ Du, der Paul hat schonmal mit unserer Tochter geknutscht.” (Ich sag höchstens unter Waterboarding wer’s war, wahrscheinlich war es eh gelogen). Aber mal abgesehen von der regionalen Karte, knallt die Platte natürlich. Ich muss hier zwar den Copy-and-Paste Feuilletonisten widersprechen und die Band aus Diskurs-Schublade nehmen. Denn “Trümmer” (Die Platte) kommt nachweislich zu mindestens 60% aus dem Bauch und ist perfekt durchkonstruierter Pop-Power.  Dabei  haben sie es geschafft ein  Jung-Männer Rock Role-Model aus einer längst vergangenden Pop Epoche wieder zu erwecken. Irgendwas Gutes aus der Mythen-Grabbelkiste so ähnlich wie es die Strokes oder auch die Cramps schonmal Second-Hand zelebriert hatten. Musikalisch erinnert es an die geschliffen druck- und kraftvolle Rohheit der frühen Jam. Deshalb Platte des Jahres. Punkt.

 

Mutter – “Ihr kleines Herz”

Muter Ihr kleines HerzEin großer Brillant auf dem popigsten Mutter-Album seit „Hauptsache Musik“  ist  “Ihr kleines Herz” Die Geschichte einer Frau aus Spandau auf dem Weg zu Ihrem Lover “Goldene Uhr – am fleischigen Arm……was für ein Glück, dass er sie braucht“” auch wenn es letztendlich zur Begegnung der beiden Liebenden kommt, schön funkig untermalt übrigens, lauert unter der Oberfläche des kleinen Glücks der Horror der Einsamkeit, die Bedrohung bald wieder verlassen zu werden, die Gewissheit, dass das auch geschehen wird/muss  und der drohende Fall in die Hoffnungslosigkeit verregneter Sonntagsnachmittage.  Die dunkle Hälfte dieser Geschichte erzählt Max Müller allein durch die Tonalität seines Gesangs.  Rainer Werner Faßbinder hätte aus dem Song ein “kleines Fernsehspiel” produziert.

 

Ja, Panik – Libertatia

JaPanikEin kluger und weiser Entschluß nach  dem Brocken DMDKULIT ein Pop-Album mit Synthesizern irgendwo zwischen Prefab Sprout Land und der Seeräuberinsel „Libertatia“ zu produzieren. Es ist schlau nach dem Konzeptwerk über die Entfremdung durch den Turbokapitalismus einfach mal nur schön cremige Songs zu produzieren.  Obendrauf noch die beliebte deutsch-englische Sprachmelange, mit dem nur noch angedeuteten charmant burgenländischen Einschlag. Sowas kann schwer in die Hosen gehen, aber es funktioniert halt, weils sie es können – die Dinger sind Ohrwürmer und da lasse ich des Textblatt auch mal gern in der Platte stecken.

 

Element of Crime (Gesamtkunstwerk)

Element-Of-CrimeEin Role-Model für „als Musiker durchs Leben kommen“. Nie dem Mainstream an den Hals schmeißen. Immer schön die Erwartungshaltung der Publikums erfüllen. Sich nie wirklich wiederholen – aber auch mal ein Stück auf dem Nebengleis fahren. Mal zwischendurch sein Talent mit ein, zwei Büchern beweisen, für die Lesemuffel das Zeug gern auch mal verfilmen lassen.  Bei allem aber nie schlecht, nie peinlich sein und sich vor allem NIE mit Peter Maffay fotografieren lassen. Bitte bis zur Rente weitermachen. Bin gern dabei. Mehr zur Platte hier.

Antilopen Gang – Beate Zschäpe hört U2

2739Public Enemy hatten ja mal den Anspruch “Black Man’s CNN” zu sein. Vielleicht ist dann die Antilopengang „Intelligent Man’s ZDF“ . “Beate Zschäpe….” bringt das ganze verlogene Gelabber um das hellbraun, stinkende Geschnetz auf den Punkt. Das pegida/AfD Geschwätz “Ich habe ja nichts gegen..”, “Man darf ja wohl mal sagen….” „Ich bin keine Nazi, ABER…“ Ein Song für die geistigen Teelichter, die auf den AfD-Foren ihren Hirnschiss ins Netz kippen. Ach ja, die Antilopen Gang macht es subtiler als ich jetzt aber  aber mit gesunder Wut. “..und Günter Grass schreibt ein neues Gedicht. Und Beate Zschäpe hört U2… und aus dem Jenseits lacht Jürgen Möllemann.. und Max Mustermann zündet ein Flüchtlingsheim an.”

 

Wanda

1937461_521807771255736_6847876611983963592_nFeels like 1986. Tolle Band kommt nach Villingen-Schwenningen. Kassiert bei „Spiegel-Online Abgehört 9“ Punkte und die Plaste-Redaktion verleiht sich für die Abwesenheit beim Konzert selbst die goldene Couch-Kartoffel. Ich leiste hiermit Abbitte durch Aufnahme von Wandas toller Platte in die Jahresbest-Liste, wo sie natürlich nicht nur aus schlechtem Gewissen hingehört.

 

Helene Fischer – Atemlos durch die Nacht

Helene Fischer Atemlos durch die Nacht
Der Herr hinter Fr. Fischer war am Vorabend der Fotoaufnahme nachweislich ziemlich außer Atem.

Plaste ist nun mal  ein Blog mit popkulturellem Anspruch, deshalb dürfen wir uns wirklich populären Trends nicht verschließen. Außerdem kam mir eine Headline-Idee, in der ich das breite Musikspektrum dieses Jahres verbinden wollte, quasi Brückenschlag von Schnipo Schranke zu Helele Fischer.  Ich dachte da an sowas wie “Vollgepisst durch die Nacht” oder von “Von Pisse bis Sch….”. Wollte ich aber doch nicht nehmen, falls hier Kinder mitlesen. Den Song habe ich selbst nie gehört und habe es auch nicht vor. Ich rate mal, dass der Text vollgestopft ist mit Phrasen, die sich um die Freiheit, Entfremdung und temporärer Flucht vor dem Alltag drehen. Eben dadurch dass man mal atemlos durch die Nacht rennt – Verbotenes tut oder erlebt. Die Musik dürfte ein mit Technodisco aufgepimptes Schlagerchen sein.  Die Zielgruppe sich entfremdet fühlende Tupperpartymonster und Fußballweltmeister ohne nennenswerte Plattensammlung. Sollen sie ihren Spaß damit haben – mir egal.

 

Post Scriptum

Abwärts – Computerstaat 3.0

Abwärts, ComputerstaatWenn es den Begriff gegeben hätte, wären Abwärts Anfang der 80er wohl unter das Genre „Intelligent Punk“ gefallen. Computerstaat ist ein im Grunde unkapputbarer Klassiker. Der Text eine zynisch-geifernde Hymne,  jede Zeile eine  Abrechnung mit der Kalte-Krieg RAF-Paranoia der damaligen Bundesrepublik, die in der Schlußzeile  “Stalingrad, Stalingrad – Deutschland Katastrophenstaat” gipfelt. Ich kann mindestens 10 Menschen aufzählen, die den Text noch vor dem Aufstehen aus dem Stegreif zitieren könnten. Dann aber einfach “Arafat” durch “Wladimir Putin”  und “Breschenew” durch “ Iwan” zu ersetzen und das ganze mit einem Rock-Brett unterlegen und “Computerstaat 3.0” zu nennen. Also meine Herren ich darf doch bitten – bitte mehr Respekt vor dem eigenen Lebenswerk.

 

 C-60 Deutschpop Mixtape 2014 incl. dem tollen Jens Friebe, Markus Wiebusch oder den Nerven, die in diesem Text leider nicht vorkamen.

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