Parallel Lesen mit Plaste – So brutal kann digital.

IMG_8404Unter dieser reißerischen Übersichrift rezensiert die Literaturabteilung von Plaste zwei der relevantesten Bücher zum Thema und lädt ein zum parallel Lesen.

The Circle Dave EggersUps, in der Zeit in der ich „Der Circle“ gelesen habe, wird es zur vielbesprochenen Nr. 1 der Spiegel Bestsellerliste und zeitgleich vom Feulletion komplett wegen fehlender literarischer Qualität zerschossen.

Aber werfen wir doch zuerst einmal einen Blick auf den Inhalt. Die Protagonistin Mae Holland erhält über Beziehungen einen Job beim Circle. Dies ist ein Google ähnlicher Megakonzern, der als Fast-Monopolist alles  geschluckt hat und anbietet was das digitale Herz begehrt;  Suchmaschine, Social-Media Platform, einheitliches Online-Bezahlsystem. Für die Mitarbeiter  das komplette Work-Life-Balance Instrumentarium, nur das das ganze Brimborium,   ausschliesslich auf dem Firmencampus zur Verfügung steht, wo sich die Mitarbeiter auch in ihrer Freizeit aufhalten sollten, um z.B. gratis Konzerte von “angesagten” Popstars zu geniessen.  Dem gegenüber stehen Analog-Nostalgiker  u.a. Maes Exfreund Mercer, der wie sollte es anders sein Kronleuchter aus Hirschgeweihen (!) bastelt und  (Achtung Spoiler-Alarm) gegen Ende des Buchs gehetzt von einer digitalen Meute beschließt  nach seinem virtuellem auch sein analoges Leben freiwillig auszuhauchen.

Dave Eggers lässt uns daran teilhaben, wie der Konzern daran arbeitet  ein totalitäres System aufzubauen, das auf einem kompletten Big Data Konzept fußt.  Wobei im 21. Jahrhundert, die orwellschen Role-Models der Nazi Diktatur bzw. des Stalinismus  Überwachungsstaats ausgedient  haben.  The Circle ist ein smartes System, das darauf beruht, daß die Nutzer ihre Daten freiwillig und gern geben, weil es ja bequemer ist  ( nur ein Passwort zu benutzen, überall und immer mit dem gleichen Währungssystem bezahlen) und weil ja keiner was verstecken muß der nichts ausgefressen hat.

Die vielen Kritiker haben teilweise Recht, der Circle  funktioniert nicht wirklich als Satire weil die Protagonisten zu unlustig angelegt sind und auf dem Level  einer ZDF Produktion für den Mittwoch Abend um 20.15 Uhr dialogisieren. Als Sachbuch für die digitale Hausfrau ist es  allerdings ein Volltreffer, der den Status Quo der digitalen Megakonzerne, den Kater nach der Online-Euphorie der Neunziger und Nuller klug und konsequent weiterdenkt. Im Jahre 2003 erschienen, wäre der Circle jetzt sicherlich ein Klassiker. Das Buch ist auch stellenweise sehr komisch, wenn es die Dämlichkeit der Digital-Natives aufzeigt, z.B. am massivem Bemühen sich durch ein Liken und Posten in den sozialen Netzwerken von allem was die Festplatte hergibt, bei einem internen Ranking innerhalb des Circles zu verbessern.  Oder das schön eingefangene Schema des ewig halbwitzigen Dummkommentieren  in meterlangen Social Media Timelines. Oder die große Frage, was man den Leuten, die einem nicht liken wohl angetan hat. Allerdings  sind auch die Analogen-Oldies im Buch,  auch nicht gerade die hellsten Lampen, und so unsmart krautbärtig angeleget, dass ich sie gleich mal in meine geistige AfD Unterhosenschublade gesteckt habe.  Die „Circle“ Grundhandlung ist allerdings wirklich relevant lesenswert, nämlich das Versprechen der Konzernleitung über eine Reihe von vordergründig populistischen Neuentwicklungen, die Gesellschaft transparenter und sicherer zu machen und durch eine perfide Rhetorik, Sicherheit vor die persönlich Freiheit zu stellen. Und wie dabei die Rolle des Staates als Wohltäter und potentieller Unterdrücker im Zeitalter des Turbokapitalismus an die globalen Konzerne übergeht.

greenwald-die-globale-c3bcberwachung-4Da wären wir auch schon bei unserem großen Sachbuch Parallellesetip  zur Thematik.  Was den armen Bestseller-Lesern jetzt die Stirn in Falten werfen wird. “Die globale Überwachung” von Glen Greenwald, dem Journalisten der die NSA-Dokumente von Edward Snowden veröffentlich hat, zeigt das heute doch noch alles das ist wo es hingehört. Noch holt sich der Staat seine Daten von den Konzernen und nicht umgekehrt, nur Twitter hatte sich beim Daten melken wohl ein wenig geziert. Und im Gegensatz zu der Ideologie des Circles geht man hier ganz pragmatisch vor: es werden nämlich schlicht ALLE  Daten von JEDERMANN  zu JEDERZEIT gesammelt um diese dann für ALLE möglich Zwecke auch mal gern zur Industriespionage zu benutzen. Die Konzerne werden per Abo-Gerichtsbeschlüsse zur Abgabe und Einrichtung von Datenhintertüren ebenso gezwungen, wie mal ganz ungeniert Überseedatenkabel angezapft, wenn’s nicht anders geht. Ja klar werdet ihr liebe Leser jetzt sagen, ach du kleiner Provinzblogger, dass wissen wir doch schon lange, das stand schon lange auf Spiegel-Online oder im Südkurier.  Aber dort sind nicht die original Powerpoint-Slides prism-slide-2_2-660x495abgebildet auf denen im völlig überladenen Design die  komplette Auflösung unserer Privatsphäre und demokratischen Rechte kommuniziert wird.  Nebenbei habe mich beim Lesen gefragt warum die NSA keine Mitarbeiterseminare “Wie präsentiere ich professionell mit Powerpoint” anbietet. Ja richtig, sowohl  die Bestseller-Fiktion als auch die Realität basieren darauf, dass durch Überwachung aka Transparenz  soziale Kontrolle geschaffen und die persönliche Freiheit und Privatssphäre dadurch schrittweit im Namen der Sicherheit abgeschafft wird..

Greenwald rückt zeitweise auch die Person Snowdens in den Focus und zeigt, dass das wahre Leben  immer noch die besseren Pointen schreibt.  Kennt jemand den Grund warum Snowdon seine Karriere, Freundin, Freizeit und Leben aufs Spiel setzt? Logo,  weil er an sowas wie Gerechtigkeit und an das Gute glaubt. Und wo hat sich das herausgebildet? Elternhaus? Schule? Kirche? Nein, Snowdon gibt an, dass die endlosen Online-Rollenspiele die der Nerd in seinen Teenagertagen gespielt hat, sein Weltbild geformt , und in zum Helden des 21. Jahrhunderts gemacht haben. Hier schließt sich der Kreis, bitte übernehmen Sie Dave Eggers..

Mein Tip: Beide Bücher gleichzeitig lesen danach wahlweise meditieren oder hemmungslos Trinken und auf den Moment des großen Durchblicks warten. Wer das geschafft hat darf sich einen Sascha-Lobo-Iro stehen lassen und nachts von elektronischen Schafen träumen.

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