Plaste Lesesofa – Bücher für den Frühling

Wes Trench, Fleischers Blues, Panama Papers

Des zerstörte Leben des Wes TrenchDas zerstörte Leben des Wes Trench – Tom Cooper

In einem kaputten Umfeld, lassen sich immer noch die besten Geschichten erzählen. Dabei bietet sich die Umgebung von New Orleans nach dem Hurrikan Katrina geradezu an. Hier lebt Wes Trench, er ist kaum erwachsen, hat beim Sturm seine Mutter verloren und genau so wenig eine Zukunft wie alle anderen vor Ort. Denn die Shrimpfischer werden zusätzlich durch einen Ölteppich, verursacht von den Multis vor Ort bedroht. Trotzdem heuert Wes beim Shrimpfischer Lindqvist an, dem nicht nur die Frau davongelaufen ist, sondern auch die Armprothese gestohlen wurde. Dafür hortet dieser alte Piratenkarten um irgendwo und irgendwann in den Sümpfen den großen Goldschatz von Kaptän Schwarzbart zu finden. Dummerweise kommt er hier ausgerechnet den verrückten Toup-Brüdern und Armprothesen-Dieben in die Quere, die sich auf den Anbau von Marihuana spezialisiert haben und ihre Plantage in den Sümpfen versteckt haben. “Das zerstörte Leben des Wes Trench” liest sich wie die Literaturvorlage für eine HBO-Serie. Die Trostlosigkeit der Protagonisten wird aufgefangen durch einen bitterbösen, schwarzen Humor, der die Geschichten der armseligen gebeutelten Figuren zu einem schwülen Redneck-Drama zusammenknetet.


fleischers blues volker hauptvogelFleischers Blues – Volker Hauptvogel

Volker Hauptvogel gründete 1978 mit Mekanik Destrüktiw Komandöh die erste Punk Band Berlins und ist Gründer des Pinguin Clubs in dem sich Depeche Mode zum Stammtisch trafen (Zumindest lt. Presseinfo, ich kann mir allerdings den Depeche Mode Stammtisch gar nicht so wirklich vorstellen. Immer Mittwoch 20.30 Uhr? Mit einem gruseligen Stammtisch Aschenbecher in der Mitte des Tischs?). In Fleischers Blues lässt Hauptvogel die mittleren 70er in West-Berlin wieder auferstehen. Die Utopien der Studenten-Revolte waren bereits dem ersten Kater gewichen. Auf der einen Seite läutete die Norwegerpulli-Fraktion schon das das Prä-Grünen Zeitalter ein, auf der anderen Seite zogen die Großstadt-Tupamaros um Bommi Baumann mit Knarre und dicken Joints durch die Mauerstadt. Viele Häuser standen leer, waren Spekulationsobjekte von westdeutschen Zahnärzten und warteten nur darauf endlich mal von ein paar aufrechten Revolutionären besetzt zu werden. Innensenator Heinrich “Polizeiknüppel” Lummer war No.1. Feindbild und dürfte heutzutage 1:1 die feuchten Träume jedes AfD-Bratwurstnazis verkörpern. In dieses längst untergegangen Biotop gerät Hauptvogels Protagonist und Alter Ego Fleischer. Dealt, verliebt sich in die Tochter eines Polizisten, verliebt sich in die Schwester der Tochter eine Polizisten, gerät zwischen alle Fronten und darf als einer der ersten Punks durch Berlin laufen. “Fleischers Blues” ist eine liebevoll erzählte Geschichte und ein Sittengemälde einer Zeit des anarchistischen Aufbruchs in einer abbruchreifen Stadt. Eine Zeit, die genau so der Vergangenheit angehört wie Zilles Berlin um die Jahrhundertwende und die Bücher wie Fleischers Blues einfach verdient hat. Darauf eine vegane Latte.


Panama PapersPanama Papers – Bastian Obermayer, Frederik Obermeier

Als im Frühjahr die ersten Berichte über die Panama Papers veröffentlicht wurden, war die Welt eine anderere. 100.000 gingen weltweit auf die Straße um gegen das illegale Verschieben und Parken von Geldern in Panama, gegen das Ausplündern ganzer Volkswirtschaften zu protestieren. Nein? Na, in Island ist der Premier mit dem unausprechlichen Namen Sigmundur Davíð Gunnlaugsson zurückgetreten. Island? Die Panama Papers sind der größte Datenleak der Geschichte, der damit begann, dass sich ein anonymer Whistleblower mit “Hallo. Hier spricht John Doe. Interessiert an Daten?” bei Bastian Obermayer, dem Investigativreporter der Süddeutschen Zeitung meldete. Er und sein Kollege Frederik Obermeier erhalten daraufhin die Daten von über hunderttausend Briefkastenfirmen. Dahinter steht eine korrupte unmoralische Parallelwelt aus Scheichs, Drogenbossen, Superreichen und natürlich der FIFA. Beim Lesen stellt man sich gern so einfache Fragen, wie z.B. diese  „Was treibt die Banken, die in der Finanzkrise mit Steuergeldern gerettet wurden, wohl dazu an im gleichen Atemzug ihren Kunden dabei zu helfen, Steuern zu hinterziehen“. Das ist naiv, ich weiß! . Das Buch selbst erzählt neben einigen der hanebüchenen Geldgeschichten vor allem die Geschichte des Aufarbeitens dieser Daten und das gemeinsame Recherchieren mit den Investigativreportern des ICIJ. Und da liegt leider auch die Crux des Buchs.  Die “Panama Papers” sind eine perfekte Blaupause für den Investigativjournalismus im digitalen Zeitalter. Aber die Obermayers sind nicht Günter Wallraff oder Glen Greenwald,  sich durch Festplatten zu wühlen, ergibt eben keine spannende Geschichte, die einen Pageturner ausmacht. Obwohl jeder Schreibtischhengst weiß, welch großes Abenteuer es ist einen Rechner an Einkauf und IT vorbei zu bestellen, fehlt der Enthüllungsgeschichte doch etwas der Sexappeal. Aber egal, um unsere verrückte Welt zu verstehen braucht es Bücher wie die Panama Papers und die solltet ihr bittschön auch lesen.

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